NAION und Abnehmspritzen: Wie hoch ist das Risiko für Sehverlust bei Wegovy und Mounjaro wirklich
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Matze -
5. Januar 2026 um 12:11 -
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Zuletzt aktualisiert: 8. Juli 2026 um 07:41
Lesezeit: 9 Minuten
🔄 Zuletzt aktualisiert: Juli 2026 – Der Artikel wurde an die aktuelle EMA-Einstufung und die neueste VA-Kohortenstudie aus JAMA Ophthalmology angepasst.
Abnehmspritzen wie Wegovy und Mounjaro helfen derzeit Millionen Menschen beim Gewichtsverlust, doch Schlagzeilen über NAION als seltene Nebenwirkung von Abnehmspritzen verunsichern viele Nutzer. Wir schauen uns die aktuelle Studienlage zur seltenen Augenerkrankung an und ordnen ein, wie groß das Risiko für Sehverlust wirklich ist.
⚠️ Wichtiger medizinischer Hinweis
Dieser Artikel ordnet die aktuelle Studienlage zu NAION ein, ersetzt aber keine augenärztliche Untersuchung und keine individuelle Risikoeinschätzung durch deine Ärztin oder deinen Arzt.
Bemerkst du während der Behandlung plötzliche Sehverschlechterungen, einen Schatten im Blickfeld oder einseitigen Sehverlust, wende dich sofort an eine Augenärztin oder einen Augenarzt – das gilt als augenärztlicher Notfall.
📌 Auf einen Blick
- Die EMA stuft NAION seit Juni 2025 offiziell als sehr seltene Nebenwirkung von Semaglutid ein [1]
- Das relative Risiko ist etwa verdoppelt, absolut entspricht das rund einem Zusatzfall pro 10.000 Personenjahren [1]
- Eine große US-Veteranenstudie mit über 100.000 Teilnehmenden bestätigte 2026 ein etwa verdoppeltes Risiko gegenüber SGLT2-Hemmern [2]
- Für Tirzepatid (Mounjaro) gibt es bislang keine offizielle Nebenwirkungs-Einstufung, aber erste Publikationen deuten auf ein mögliches Risiko hin [3]
- In den USA läuft seit Dezember 2025 eine eigene Sammelklage (MDL) zu NAION-Fällen bei GLP-1-Medikamenten [4]
📋 Inhaltsverzeichnis▼
Was ist NAION überhaupt?
NAION steht für nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie – eine plötzliche Durchblutungsstörung des Sehnervs, die zu einseitigem, meist schmerzlosem Sehverlust führt. Betroffene bemerken den Ausfall häufig direkt nach dem Aufwachen, weil sich das geschädigte Areal im Schlaf nicht erholt. Der Zustand ist in der Regel dauerhaft, eine wirksame Behandlung gibt es bislang nicht [5].
Wie häufig ist NAION grundsätzlich?
Unabhängig von GLP-1-Medikamenten zählt NAION zu den häufigsten Ursachen für einen akuten Sehnervinfarkt im Erwachsenenalter, tritt aber insgesamt selten auf. Risikofaktoren sind unter anderem Diabetes, Bluthochdruck, ein enger Sehnervenkopf sowie ein niedriger nächtlicher Blutdruck. Wer bereits einen dieser Risikofaktoren mitbringt, sollte das bei der Einordnung des Zusatzrisikos durch Semaglutid im Hinterkopf behalten. Zum grünen Star gibt es übrigens eine ganz andere Diskussion: Bei der Frage, ob Abnehmspritzen vor grünem Star schützen können, deutet die Studienlage bislang eher in eine positive Richtung.
Die aktuelle Studienlage: Grund zur Panik?
Die EMA hat NAION im Juni 2025 offiziell als sehr seltene Nebenwirkung von Semaglutid in die Fachinformation von Ozempic, Rybelsus und Wegovy aufnehmen lassen. Das relative Risiko ist bei Menschen mit Typ-2-Diabetes gegenüber Nicht-Anwendern etwa verdoppelt, absolut entspricht das rund einem zusätzlichen Fall pro 10.000 Personenjahren [1]. Was das bedeutet: Selbst bei einer Verdopplung bleibt das absolute Risiko für den Einzelnen sehr niedrig – von 10.000 Menschen, die ein Jahr lang behandelt werden, entwickelt statistisch gesehen etwa eine Person zusätzlich NAION.
Mehrere Studien stützen diesen Zusammenhang. Eine vielbeachtete Untersuchung von Hathaway und Kollegen der Harvard T. H. Chan School of Public Health fand erstmals eine Assoziation zwischen Semaglutid und NAION [6]. Eine dänische Kohortenstudie mit über 424.000 Menschen mit Typ-2-Diabetes bestätigte ein mehr als verdoppeltes Fünf-Jahres-Risiko unter wöchentlichem Semaglutid [7]. Und die bislang größte und am längsten laufende Analyse, eine Studie der US-Veteranenbehörde mit über 100.000 Teilnehmenden über bis zu sieben Jahre, fand ein etwa verdoppeltes Risiko im Vergleich zu SGLT2-Hemmern [2]. Was das bedeutet: Je mehr und je größer die Studien werden, desto konsistenter zeigt sich ein messbarer, aber absolut gesehen kleiner Zusammenhang.
Studienüberblick zu Semaglutid und NAION
| Studie | Kollektiv | Ergebnis |
|---|---|---|
| Hathaway et al., JAMA Ophthalmology 2024 | Klinikkohorte, USA | Erste beschriebene Assoziation |
| Dänische Kohorte, 2024 | 424.152 Menschen mit Typ-2-Diabetes | Mehr als verdoppeltes 5-Jahres-Risiko |
| Heberer et al., JAMA Ophthalmology 2026 | US-Veteranen, über 100.000 Personen, bis 7 Jahre | Etwa doppeltes Risiko vs. SGLT2-Hemmer |
| Weng et al., Ophthalmology 2025 | Multinational, 160 Gesundheitseinrichtungen, 21 Länder | Kein statistisch signifikanter Zusammenhang |
Warum widersprechen sich manche Studien?
Nicht jede Untersuchung findet den gleichen Effekt. Eine große multinationale Studie mit Daten aus 160 Gesundheitseinrichtungen in 21 Ländern fand über bis zu drei Jahre keinen statistisch signifikanten Anstieg des NAION-Risikos unter Semaglutid [8]. Fachleute der American Academy of Ophthalmology weisen zudem darauf hin, dass sich Datenbanken in manchen Studien überschneiden, was Ergebnisse verzerren kann [8]. Was das bedeutet: Die Forschung ist noch nicht abgeschlossen, aber die größeren und methodisch strengeren Studien tendieren zunehmend zu einem realen, wenn auch kleinen Risiko.
Wie sieht es bei Tirzepatid und Mounjaro aus?
Die EMA hat sich bei ihrer Überprüfung 2025 ausschließlich mit Semaglutid befasst. NAION taucht in der Fachinformation von Mounjaro aktuell nicht als Nebenwirkung auf, und Hersteller Lilly betont das auch so [3]. Gleichzeitig gibt es erste Publikationen, die auch bei Tirzepatid auf ein mögliches Risiko hindeuten – vermutlich, weil der GLP-1-Rezeptor, an den beide Wirkstoffe andocken, auch im Sehnerv vorkommt [3]. Sollte sich das bestätigen, wäre es wahrscheinlich ein Gruppeneffekt, der auch Liraglutid und Dulaglutid beträfe. Belastbare Zahlen dazu stehen noch aus. Das passt zu einem größeren Trend: Auch abseits der Augen untersucht die Forschung gerade, ob GLP-1-Wirkstoffe einen echten Nervenschutz bieten – ein Forschungsfeld, das direkt mit der Frage zusammenhängt, wie diese Medikamente auf empfindliches Nervengewebe wirken.
Kurz gesagt: Für Semaglutid ist das Zusatzrisiko inzwischen offiziell anerkannt, aber absolut sehr klein. Für Tirzepatid ist die Datenlage noch dünn – hier fehlt bislang die klare regulatorische Einordnung.
Blick in die USA: Die rechtliche Lage
In den USA hat das Thema längst die Gerichte erreicht. Im Dezember 2025 hat das Bundesgericht eine eigenständige Sammelklage, eine sogenannte Multidistrict Litigation, speziell für NAION-Fälle im Zusammenhang mit GLP-1-Medikamenten eingerichtet und bewusst von der bereits bestehenden Sammelklage zu Magen-Darm-Nebenwirkungen getrennt [4]. Bis Mitte 2026 waren dort gut 100 Fälle anhängig, mit steigender Tendenz, während parallel deutlich mehr Fälle in bundesstaatlichen Gerichten laufen [4].
Was bedeuten die Klagen für die Sicherheitsbewertung?
Klagen sind kein Beweis für einen Kausalzusammenhang – sie zeigen lediglich, dass Anwaltskanzleien angesichts der Studienlage Erfolgsaussichten sehen. Die Verfahren befinden sich noch in einer frühen Phase, es gab bislang weder Vergleiche noch Musterprozesse [4]. In Dänemark ist man dagegen bereits einen Schritt weiter: Dort hat die staatliche Patientenentschädigungsstelle vier Betroffenen nach schweren Sehschäden unter Wegovy beziehungsweise Ozempic eine Entschädigung zugesprochen.
Was du konkret tun solltest
Das Risiko, durch eine Abnehmspritze zu erblinden, ist bei realistischer Betrachtung extrem gering – aber nicht null. Informiert zu sein hilft mehr als Panik oder Verdrängung.
- Vorerkrankungen prüfen: Hast du bereits Probleme am Sehnerv, ein Glaukom oder starken Bluthochdruck? Sprich das vor Therapiebeginn mit deiner Ärztin oder deinem Arzt an. Wie du so ein Gespräch am besten vorbereitest, liest du in unserem Beitrag dazu, was vor dem Arztgespräch bei Typ-2-Diabetes wichtig ist.
- Warnsignale kennen: Plötzliches verschwommenes Sehen, ein Schatten im Blickfeld oder einseitiger Sehverlust sind ein Notfall – sofort in die Augenklinik oder zur Augenärztin.
- Keine Alleingänge: Nutze diese Medikamente nur unter ärztlicher Begleitung und beziehe sie nicht aus dubiosen Online-Quellen.
Wenn du deine Werte und mögliche Nebenwirkungen ohnehin dokumentierst, hilft ein strukturiertes Tagebuch für Injektionen und Nebenwirkungen, Veränderungen frühzeitig einzuordnen und beim nächsten Arztgespräch konkret ansprechen zu können. Wie sich Nebenwirkungen generell sauber dokumentieren lassen, erklären wir ausführlich im Beitrag zum Festhalten von GLP-1-Nebenwirkungen für das Arztgespräch.
Häufige Fragen aus der Community
Muss ich jetzt regelmäßig zum Augenarzt, weil ich Wegovy spritze?
Eine pauschale Vorsorgeuntersuchung wird derzeit nicht offiziell empfohlen. Wer aber ohnehin Diabetes hat, sollte ohnehin regelmäßige Augenkontrollen wahrnehmen – das gilt unabhängig von NAION.
Soll ich Mounjaro wegen des NAION-Risikos meiden?
Für Mounjaro gibt es derzeit keine offizielle Einstufung als Nebenwirkung, die Datenlage ist deutlich dünner als bei Semaglutid. Eine pauschale Empfehlung dagegen lässt sich daraus nicht ableiten – bespreche individuelle Bedenken mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Ist ein leichtes Augenflimmern bereits ein Warnzeichen?
Kurzes Flimmern hat meist andere Ursachen wie Müdigkeit oder Kreislauf. NAION zeigt sich typischerweise als plötzlicher, anhaltender und meist einseitiger Sehverlust oder eine deutliche Sehverschlechterung – nicht als flüchtiges Flimmern. Im Zweifel gilt trotzdem: lieber einmal zu viel abklären lassen. Falls dich Nebenwirkungssorgen generell beschäftigen, bist du damit nicht allein – das zeigt auch die Diskussion darüber, wie andere in der Community mit der Angst vor seltenen Nebenwirkungen umgehen.
Quellenangaben
- EMA/PRAC (2025): NAION als sehr seltene Nebenwirkung von Semaglutid. ema.europa.eu
- Heberer K, et al. (2026): Semaglutide and NAION risk – VA cohort study. JAMA Ophthalmology. jamanetwork.com
- American Academy of Ophthalmology (2025): Semaglutide Use and the Risk of NAION – Current Thinking. aao.org
- U.S. Judicial Panel on Multidistrict Litigation (2025/2026): MDL No. 3163, Eastern District of Pennsylvania.
- Deutsches Ärzteblatt (2026): NAION unter Semaglutid häufiger. aerzteblatt.de
- Hathaway JT, et al. (2024): Risk of NAION in Patients Prescribed Semaglutide. JAMA Ophthalmology.
- Dänische Kohortenstudie (2024): Once-weekly semaglutide doubles the five-year risk of NAION. International Journal of Retina and Vitreous.
- Weng CH, et al. (2025): Multinationale Studie zu Semaglutid und NAION. Ophthalmology.
Fazit: NAION ist eine anerkannte, aber sehr seltene Nebenwirkung von Semaglutid mit einem absolut kleinen Zusatzrisiko. Panik ist nicht angebracht, Wachsamkeit schon – vor allem, wenn du bereits Risikofaktoren für Durchblutungsstörungen am Auge mitbringst.
Frage an die Community: Hat euch euer Arzt oder eure Ärztin vor Therapiestart auf das NAION-Risiko angesprochen, oder seid ihr erst über Schlagzeilen darauf gestoßen?
Über den Autor
Mathias Köster | Gründer des GLP-1 Forums
Ich bin kein Arzt – sondern Patient. Seit Februar 2025 nehme ich Mounjaro, verschrieben und begleitet von meinem Diabetologen. In dieser Zeit habe ich 41 kg abgenommen und über 16 Monate direkte Therapieerfahrung gesammelt.
Aus dieser Erfahrung heraus habe ich das GLP-1 Forum gegründet – weil eine deutschsprachige Community für ehrlichen Erfahrungsaustausch fehlte.
Alle Artikel recherchiere ich anhand von Studien aus PubMed, Fachinformationen der Hersteller sowie offiziellen Quellen wie BfArM, EMA und der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Die verwendeten Quellen sind am Artikelende vollständig aufgeführt und verlinkt. Inhaltliche Verantwortung liegt vollständig bei mir.
Dieses Forum ist kein medizinischer Rat. Es ist ein Ort für ehrlichen Erfahrungsaustausch – unabhängig, ohne Pharmaunternehmen im Hintergrund.
MatzeForenleitung
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