Schluss mit dem „Abnehm-Shaming“
Kennst du das? Du hast stolz Gewicht verloren, deine Blutwerte sind besser, du fühlst dich vitaler – und dann kommt dieser eine Satz, der alles dämpft: „Na ja, mit einer OP/Spritze ist das ja keine Kunst. Du hast ja quasi nichts dafür getan.“
Dieser Bullshit muss aufhören.
Das Thema „Anerkennung“ im Kontext von Gewichtsabnahme ist leider immer noch ein riesiges Minenfeld. Wer sich für eine bariatrische Operation entscheidet, wird schnell in die Schublade „Faulheit“ gesteckt. Wer moderne Medikamente zur Gewichtsreduktion nutzt, hört Sätze wie: „Hättest du dich einfach mal zusammengerissen, hättest du das auch so geschafft.“
Hier müssen wir dringend mit einem modernen Verständnis ansetzen: Diese Hilfsmittel sind keine Zauberstäbe, die dir die Arbeit abnehmen. Eine Magen-OP oder medikamentöse Unterstützung sind Werkzeuge. Sie machen den steilen Berg, den du erklimmen musst, vielleicht etwas flacher – laufen musst du aber immer noch selbst. Sie erfordern Disziplin, Ernährungsumstellungen und lebenslanges Monitoring. Wer das als „nichts tun“ bezeichnet, hat schlichtweg keine Ahnung von der Realität.
Realitätscheck: Adipositas ist eine Krankheit, keine Entscheidung
Lass uns mal Tacheles reden und die Fakten auf den Tisch legen: Adipositas ist eine vom deutschen Gesetzgeber (und der WHO) anerkannte, chronische Krankheit.
Das bedeutet zwei Dinge:
- Du wirst sie nicht einfach „los“: Selbst nach einer massiven Abnahme bleibt der Körper in einem gewissen Alarmzustand. Der Stoffwechsel erinnert sich.
- Es ist kein Missmanagement: Übergewicht entsteht nicht einfach nur, weil jemand „zu undiszipliniert“ ist. Es ist ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Genetik, Hormonen, Umweltfaktoren und Neurologie.
Besonders bitter ist es, wenn abfällige Kommentare aus den eigenen Reihen kommen. Oft sind es ehemals Betroffene, die es „ohne fremde Hilfe“ (also konservativ) geschafft haben und nun unbewusst nach unten treten. Aber dein Körper ist nicht deren Körper.
Übergewicht hat die tückische Eigenschaft, sich selbst zu verstärken. Fettgewebe ist hormonell aktiv und kann weiteren Fettabbau blockieren. Dazu kommen oft verhaltenspsychologische oder neurologische Komponenten. Viele Menschen mit einer langen Diätkarriere kennen das:
- Binge Eating: Der Kontrollverlust beim Essen.
- Essen als Kompensation: Zur Emotionsregulierung.
- Neurodivergenz: Es gibt starke Zusammenhänge zwischen ADHS und Adipositas (Dopamin-Suche durch Essen).
Zu behaupten, Übergewicht sei eine rein bewusste Entscheidung, ignoriert die moderne Wissenschaft komplett.
Warum wir medizinische Hilfe endlich normalisieren müssen
In fast jedem anderen medizinischen Bereich ist es völlig selbstverständlich, Hilfe anzunehmen.
- Niemand würde zu einem Asthmatiker sagen: „Warum nimmst du das Spray? Atme doch einfach mal tiefer ein, Luft ist genug da!“
- Niemand würde einem Diabetiker vorwerfen, dass er Insulin spritzt, statt einfach „seine Bauchspeicheldrüse mehr anzustrengen“.
- Niemand lacht jemanden mit Brille aus, weil er „zu faul zum Scharfsehen“ ist.
Warum messen wir bei Adipositas mit zweierlei Maß?
Um eine chronische Erkrankung zu lindern – denn von einer kompletten Heilung können wir bei Adipositas kaum sprechen – ist keine „heldenhafte Eigenleistung“ ohne Hilfsmittel erforderlich. Schulmedizinische Behandlungen sind legitim, sicher und oft lebensrettend. Du musst dich weder schämen noch rechtfertigen, wenn du sie in Anspruch nimmst. Dein Ziel ist Gesundheit, nicht der Gewinn eines Wettbewerbs für „Wer leidet am meisten“.
Die psychologische Komponente: Schluss mit der Schuldumkehr
Leider hinkt die gesellschaftliche Akzeptanz bei Erkrankungen, die auch psychische Komponenten haben, hinterher. Ähnlich wie bei Depressionen („Geh doch einfach mal raus und lach mehr!“) findet bei Adipositas oft eine Schuldumkehr statt (Victim Blaming). Betroffenen wird suggeriert, sie seien selbst schuld an ihrem Zustand.
Das ist nicht nur falsch, es ist gefährlich. Dieser Druck erzeugt Stress, und Stress (Cortisol) macht das Abnehmen physiologisch noch schwerer. Es ist ein Teufelskreis, den wir nur durch Akzeptanz und Aufklärung durchbrechen können.
Community statt Konkurrenz: Zusammen sind wir stärker
Das Wichtigste, was wir heute tun können, ist den „Gatekeeping“-Gedanken in den sozialen Medien zu beenden.
Wenn jemand postet „Ich habe es ganz alleine ohne OP geschafft“, schwingt oft ein stiller Vorwurf mit. Es entsteht eine Hierarchie: Der „harte, ehrliche“ Weg vs. der „leichte, geschummelte“ Weg. Das ist toxisch. Es gibt keine „besseren“ oder „schlechteren“ Wege zur Gewichtsabnahme.
Wir sollten uns gegenseitig unterstützen, statt Methoden zu bewerten.
- Jemand stellt seine Ernährung um? Großartig.
- Jemand nutzt Medikamente zur Unterstützung? Fantastisch.
- Jemand hat sich für eine bariatrische OP entschieden? Respekt.
Jeder, der sich seiner Gesundheit, seinem Körper und oft auch seinen traumatischen Erfahrungen stellt, leistet Großes. Egal mit welchen Mitteln. Jeder Schritt raus aus der Krankheit zählt. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Grenzen und seine eigene Stärke.
Freuen wir uns einfach für jeden, der es schafft, sein Leben leichter und gesünder zu gestalten. Wie er oder sie dort hinkommt, ist eine ganz persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung – und die geht außer der betroffenen Person niemanden etwas an.
Antworten 20