Die Abnehmspritze gegen Esssucht? GLP-1 und Binge-Eating-Störung

  • Matze hat einen neuen Artikel veröffentlicht:

    Matze
    18. Mai 2026 um 19:24

    Zitat
    Millionen Menschen leiden weltweit unter unkontrollierbaren Essanfällen – und nun rückt die sogenannte Abnehmspritze als mögliche Unterstützung in den Fokus der Forschung. Was GLP-1-Agonisten im Gehirn bewirken und was die Studienlage Stand 2026 wirklich hergibt, erklärt dieser Übersichtsartikel.

    Gruß Matze

    The world has music for those who listen

  • Wie immer ein sehr schöner und interessanter Artikel 👍🙂

    Zwei Anmerkungen aus eigener Erfahrung:

    Nicht jeder Mensch mit diagnostizierter Adipositas hat auch zwingend eine BES (Binge-Eating-Störung), aber BES ist in sehr vielen Fällen die Ursache einer Adipositas, weswegen zumindest den vielen Patienten, die von beidem betroffen sind, mittels Verschreibung geholfen werden kann (gottseidank).

    Zum Thema Goldstandard Psychotherapie musste ich leider lachen, denn was die Spritze innerhalb der ersten Anwendung geschafft hat (das Unterdrücken der permanenten Zwangsgedanken an Essen und somit Rückgewinn der Kontrolle über das eigene Essverhalten) konnte kein therapeutischer Ansatz innerhalb der letzten 35 Jahre jemals schaffen 🤷‍♀️. Dabei ist natürlich klar, dass das Medikament nicht die zugrundeliegende Ursache ansich auflöst, aber ähnlich dem Ansatz der Verhaltenstherapie, dass es manchmal nicht wichtig ist, die Ursache abzustellen, sondern eben dauerhaft sein Verhalten dahingehend anzupassen, um den Leidensdruck zu lindern, ist die Spritze eben auch ohne begleitende Psychotherapie hochwirksam, sodass es in meinen Augen fragwürdig erscheint, wozu man weitere Therapie machen sollte, wenn die Ergebnisse auch ohne Therapie wesentlich effizienter sind als alle früheren Maßnahmen.

    Ich weiß, Therapeuten glauben immer, dass man alles damit in den Griff bekommen kann, meine persönlichen Erfahrungen sind andere, und insbesondere unter dem Hintergrund, dass bei BES bzw Adipositas bei vielen Menschen bestimmte Hirnareale real dysreguliert sind, glaube ich, dass eine konventionelle Therapie wohl nicht zwingend weiterhin empfohlen werden sollte. Das ist wie bei vielen angeblich psychosomastischen Sachen, wo es immer hieß, wenn die Medizin nichts findet, dann muss es wohl an der Psyche liegen, aber ganz oft ist es eben doch nicht so simpel und bei realen physischen Ursachen nicht mit einer Therapie getan.

    • Offizieller Beitrag

    Ja, ich weiß, dass Psychotherapie allein für viele von uns nicht das erhoffte Ergebnis bringt. Ich habe sie trotzdem in meinen Beitrag aufgenommen, weil der Artikel seriös bleiben sollte – und weil Ärzte und Krankenkassen sich an die deutsche S3-Leitlinie zur Binge-Eating-Störung (AWMF) halten.

    Die Leitlinie empfiehlt kurz zusammengefasst:

    • Psychotherapie als erste Wahl, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
    • Keine reine Diätbehandlung ohne psychotherapeutische Begleitung
    • Mitbehandlung von Begleiterkrankungen wie Depression, Angst oder Adipositas

    Von GLP-1-Agonisten steht dort natürlich nichts – und das hat einen simplen Grund: Es gibt in Deutschland keine Zulassung für diese Indikation. Willkommen in Deutschland.

    Dabei steckt in diesen Medikamenten, wie Semaglutid und Tirzepatid so viel Potenzial – nicht nur für Gewichtsreduktion, sondern möglicherweise direkt auf die Sucht- und Impulskontrollmechanismen, die bei Binge-Eating eine zentrale Rolle spielen. Es wird langsam Zeit, dass Krankenkassen, Ärzte und auch die WHO das ernsthaft aufgreifen und bestehende Leitlinien überarbeiten. Die Studienlage wächst, die Betroffenen sind da – es fehlt noch der breite institutionelle Rückenwind.

  • Ja, ich weiß, dass Psychotherapie allein für viele von uns nicht das erhoffte Ergebnis bringt. Ich habe sie trotzdem in meinen Beitrag aufgenommen, weil der Artikel seriös bleiben sollte – und weil Ärzte und Krankenkassen sich an die deutsche S3-Leitlinie zur Binge-Eating-Störung (AWMF) halten.

    Die Leitlinie empfiehlt kurz zusammengefasst:

    • Psychotherapie als erste Wahl, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
    • Keine reine Diätbehandlung ohne psychotherapeutische Begleitung
    • Mitbehandlung von Begleiterkrankungen wie Depression, Angst oder Adipositas

    Von GLP-1-Agonisten steht dort natürlich nichts – und das hat einen simplen Grund: Es gibt in Deutschland keine Zulassung für diese Indikation. Willkommen in Deutschland.

    Dabei steckt in diesen Medikamenten, wie Semaglutid und Tirzepatid so viel Potenzial – nicht nur für Gewichtsreduktion, sondern möglicherweise direkt auf die Sucht- und Impulskontrollmechanismen, die bei Binge-Eating eine zentrale Rolle spielen. Es wird langsam Zeit, dass Krankenkassen, Ärzte und auch die WHO das ernsthaft aufgreifen und bestehende Leitlinien überarbeiten. Die Studienlage wächst, die Betroffenen sind da – es fehlt noch der breite institutionelle Rückenwind.

    Sehe ich genauso (dass das endlich in den Fokus gehört, und, insbesondere wenn der Adipositas eine BES oder generell suchthafte Essstörung zugrundeliegt, eben hier keine Rede von einem "Lifestylemedikament" sein kann)...

    Dass du es mit in den Artikel aufgenommen hast, sollte auch keine Kritik sein, tatsächlich gehört es ja aktuell der Vollständigkeit halber erwähnt, ich wollte dennoch anmerken, dass das für viele Betroffene eher ein Hohn ist (nicht, dass du es aufgenommen hast, sondern dass dies nach wie vor als der Goldstandard gehandelt wird 😅)

  • Aber es ist doch wunderbar, wenn wir uns hier über einen entscheidenden und durchaus spannenden Punkt austauschen können.

    Ich frage mich schon, ob eine psychische Störung durch ein Medikament „geheilt“ werden kann.

    Auch Psychopharmaka kompensieren doch nur eine Gehirnstoffwechselstörung. Erkrankte erhalten ein Medikament und müssen dieses auch auf Dauer einnehmen. Setzt der Patient das Medikament ab, dekompensiert er. (Er bleibt also erkrankt.)

    Bei Süchten mit tiefsitzenden psychischen Ursachen wird das Suchtmittel vom Patienten als Kompensator verwendet.

    Und da ist es schon spannend, ob die von uns genutzte Medikation auch „heilen“ kann!?


    Grüße Peter

    • Offizieller Beitrag

    Kompensation vs. Heilung
    Du hast Recht. Die meisten Psychopharmaka heilen nicht, sie kompensieren. Wie Insulin beim Typ-1-Diabetes , die Vulnerabilität bleibt bestehen. Das ist kein Versagen, sondern die Realität chronischer Erkrankungen.

    Wo GLP-1 interessant wird
    GLP-1-Rezeptoragonisten wirken direkt auf das mesolimbische Dopaminsystem , also den neurobiologischen Kern von Sucht. Patienten berichten spontan von reduziertem Verlangen nach Alkohol, Nikotin, sogar Glücksspiel. Substanzübergreifend. Das deutet auf eine tiefere Modulation hin, nicht nur Symptomunterdrückung.

    Kann das Heilung sein?
    Vielleicht nicht direkt, aber GLP-1 könnte ein Enabler von Heilung sein. Das Gehirn bekommt Raum, sich neuroplastisch zu verändern, Therapie wird überhaupt erst möglich.

    Die entscheidende Frage bleibt offen. Wird das Belohnungssystem dauerhaft umprogrammiert, oder springt es nach Absetzen zurück? Das wissen wir noch nicht. Die Datenlage ist dafür noch zu jung.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!

Disclaimer

„Die Inhalte in diesem Forum dienen dem Erfahrungsaustausch und basieren auf persönlichen Erfahrungen der Nutzer. Sie stellen keine medizinische Beratung dar und ersetzen keinesfalls die professionelle Diagnose oder Behandlung durch einen Arzt. Bitte konsultiere bei gesundheitlichen Fragen, Nebenwirkungen oder Änderungen der Medikation immer deinen behandelnden Arzt. Handel nie eigenmächtig aufgrund von Forenbeiträgen.“